© INGRID PETERNELL-EDER

 

Buchwerkstatt 2004/2005 | Auszug aus dem Buch "Neun mal Kluges"

 

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Sensible Menschen und Zukunft

Als Kind war ich eine Fremde in der eigenen Familie. Bücher waren tatsächlich meine besten Freunde. Schon mit zwölf entdeckte ich Morgenstern, Werfel, Brecht. Ihnen fühlte ich mich verwandt. Als junger Mensch war ich voll Zuversicht: Wir verbessern die Welt, sie wurde von Jahr zu Jahr besser in meiner Vorstellung ...

Ich habe vieles ausprobiert, habe manches erreicht und bin viel zu oft an für mich unerklärliche Grenzen gestoßen, wurde verwirrt und verunsichert, weil ich viel zu lange glaubte, dass wir alle im Grunde am gleichen Strang ziehen, dass wir im Herzen alle dasselbe wollen und dasselbe fühlen ...

Im Laufe der Jahre ist dadurch meine große Welt kleiner geworden, härter, undurchsichtiger, „böser“. Ich habe mich zurückgezogen, in die Familie. Dadurch ist mein Alltag schöner und reicher geworden – dank meiner Kinder und meines Mannes. Und schließlich auch dank des großen Themas „Hochsensibilität“, das vor einigen Jahren in Form eines englischsprachigen Sachbuches in unser Leben getreten ist. 

Hochsensibilität war bis vor wenigen Jahrzehnten eine geschätzte Gabe, von der man wusste, dass sie von Geburt an unterschiedlich verteilt ist, dass sie zwar Nachteile bringt, aber vor allem auch subtile Freuden sowie eine ganz spezielle Kompetenz und soziale und gesellschaftliche Verantwortung bringt. In den letzten Jahrzehnten wird Sensibilität unre­ flektiert als seelische Schwäche angesehen, der eine gewisse Lächerlichkeit oder Peinlichkeit anhaftet, wenn sie nicht gar als Krankheitssymptom abgehandelt wird. Obwohl von bedeutenden Forschern, wie etwa Carl Gustav Jung, beschrieben, ist diese Gabe heute nicht mehr als solche erkannt.

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Der Beitrag gibt einen ersten Einblick in die gesellschaftliche Relevanz einer Begabung, die
in den letzten Jahren gezielte, aber unverdiente Abwertung erfahren musste: die Sensibilität.

Ingrid Peternell–Eder, geboren 1963, studierte Spanisch und Biochemie, lebt in Wien, Mutter von drei Kindern. Neugierde, soziales Engagement sowie die Auseinander- setzung mit gesellschaftlichen Fragen mündeten 2003 in der Gründung eines Fachverlags zum Thema „Sensibilität“.

 

aus dem Vorwort  - von Prof. Leo Mazakarini:
Ingrid Peternell-Eder beleuchtet ihr eigenes Lebensthema, den problematischen Umgang der Menschen mit Hochsensibilität, ein Thema, das für die Autorin im wahrhaften Wortsinn existentiell ge- worden ist und rund zehn Prozent aller Menschen sehr betrifft: sie hat nicht nur darüber nachgedacht und ein Buch geschrieben, sie hat gehandelt, hat gemeinsam mit ihrem Partner einen Buchverlag gegründet, in dem Werke zum Themenkreis der Hochsensibilität erscheinen sollen und eines bereits erfolgreich veröffentlicht worden ist.

Als gestandener Verleger tut mir die Geschichte aus mehreren Gründen wohl: erstens standen am Anfang Inhalte, Ideen, Emotionen, Faszination. Und zweitens wurde überzeugt und überzeugend
eine Tat gesetzt.

Diesem „Festland“-Verlag sind viele gute Wünsche auf dem Wege mitzugeben.